
Vintage der 70er vs. Vintage der 90er: worauf Sie bei jedem Jahrzehnt achten sollten
Nicht jeder Vintage-Pelz ist gleich viel wert oder hat dieselben Eigenschaften. Ein Stück von 1978 und eines von 1995 stammen aus unterschiedlichen industriellen Epochen, mit anderen Materialien, Techniken und Standards. Wenn Sie Vintage-Pelz kaufen möchten, hilft Ihnen die Kenntnis der Besonderheiten jedes Jahrzehnts, das richtige Stück zu finden. Dieser Guide vergleicht Vintage aus den 70ern mit Vintage aus den 90ern: zwei Jahrzehnte, die heute die interessantesten im professionellen Secondhand-Markt sind.
Warum gerade diese beiden Jahrzehnte vergleichen?
Vintage aus den 70ern und aus den 90ern bilden die beiden interessantesten Pole des heutigen Vintage-Markts:
- Die 70er waren die Zeit der größten Vielfalt im Pelz. Hippie- und Boho-Einflüsse, lange Formate, Mischungen verschiedener Felle, Erdtöne. Viele produzierte Stücke, große Bandbreite an Qualitäten.
- Die 90er sind das letzte große Jahrzehnt der professionellen Pelzproduktion in großem Maßstab vor der Konzentration der Branche. Industriell gefertigte Stücke mit moderner Verarbeitung, hohe Standardqualitäten, zeitgemäße Formate.
Dazwischen sind die 80er das „goldene Zeitalter“ des klassischen Nerzes (insbesondere NAFA Mahogany), doch dieses Jahrzehnt verdient einen eigenen Guide. Die 70er und die 90er bieten sehr klare Kontraste.
Vintage aus den 70ern: der Boho-Geist
Typische Formate
- Lange Mäntel bis zur Wadenmitte oder zum Knöchel. Der Maxi-Coat war das Format, das für das Jahrzehnt stand.
- Oversize-Kurzmäntel. Weiter als heutige Modelle, mit betonten Schultern.
- Capes und Pelerinen. Sehr präsent im formellen Pelz.
- Details wie Stickereien, Fransen oder mit Stoffen kombinierte Teile. Boho-Einfluss.
Häufigste Felle
- Nerz in Demi-Buff und Mahogany (warme Töne waren die Könige)
- Schwarzer und grauer Persianer (sehr präsent, besonders bei Festtagsstücken)
- Biber und Otter (natürliche Finishes, ungefärbt)
- Luchs und andere Raubkatzen (damals legal, heute reguliert; Markt nur mit Zertifikat aus der Zeit vor CITES)
- Rot- und Silberfuchs (sehr häufig in Naturtönen, ohne später entwickelte Farbtöne)
Typische Qualität
Der große Vorteil von 70er-Vintage ist die Qualität des Grundfells. Die Auswahl bei den Auktionen war strenger als heute, die Farmen arbeiteten nach Kriterien für dichteres und längeres Fell. Ein 70er-Stück in gutem Zustand hat einen besseren Rohstoff als ein vergleichbares neues Stück.
Der Nachteil ist die Verarbeitungstechnik: Viele Stücke aus den 70ern haben weniger raffinierte Nähte als heutige, einfachere Futter und weniger ausgefeilte Finishes. Das Gesamtbild ist meist gut, doch die Details verraten die Epoche.
Worauf Sie bei 70er-Vintage achten sollten
- Stück mit geschmeidigem Leder (Zeichen guter Pflege über 50 Jahre)
- Originalfutter oder professionell (nicht in Eigenregie) ersetztes Futter
- Glänzendes Fell, nicht stumpf durch intensives Tragen
- Originaletikett mit Angabe des Ateliers oder der Marke jener Zeit
- Keine tiefgreifenden Änderungen (Kürzungen, zusammengestückelte Teile)
Was Sie bei 70er-Vintage meiden sollten
- Stücke mit extrem großem 70er-Kragen oder -Revers ohne Möglichkeit einer dezenten Änderung (sie können das Kleidungsstück zu stark datieren)
- Stark gelockten 70er-typischen Persianer, wenn Ihr Stil zeitgenössisch ist (optisch klar der Epoche zuzuordnen)
- Stücke mit Fransen, Stickereien oder Applikationen, die schwer zu modernisieren sind
Preisorientierung
70er-Vintage im professionellen Pelzhandel: 600-2.500 € je nach Stück und Fellart. Für einen langen Nerz in gutem Zustand sollten Sie mit 1.200-2.000 € rechnen. Persianer ist erschwinglicher (500-1.000 €).
Vintage aus den 90ern: die Modernität der Verarbeitung
Typische Formate
- Kürzere Jacken und Kurzmäntel. Gerade, klare Linien für den täglichen Gebrauch.
- Gerade, knielange Mäntel. Natürlichere Schultern und weniger Volumen als in den 70ern.
- Vielseitige Formate. Leichter mit einer heutigen Basisgarderobe zu kombinieren.
- Weniger dekorative Details. Schlichte Ästhetik, ohne zeittypische Fransen oder Stickereien.
Häufigste Felle
- Nerz in Standardtönen (sehr präsent und homogen sortiert)
- Persianer (vor allem bei formellen Stücken)
- Fuchs (häufig an Kragen und Applikationen)
- Felle mit gleichmäßigem Finish (Ergebnis stärker standardisierter industrieller Prozesse)
Typische Qualität
Der große Vorteil von 90er-Vintage ist die Verarbeitung: raffiniertere Nähte, besser gelöste Futter und ausgefeilte Finishes, ganz nah an dem, was heute als modern gilt. Es sind Stücke mit zeitgemäßen Linien, die sich mühelos in einen aktuellen Look einfügen.
Die Kehrseite liegt beim Rohstoff: Die Fellauswahl war im Allgemeinen etwas weniger anspruchsvoll als in den Jahrzehnten zuvor. Die durchschnittliche Qualität ist weiterhin hoch, doch die außergewöhnliche Felldichte eines 70er-Stücks in perfektem Zustand finden Sie selten.
Worauf Sie bei 90er-Vintage achten sollten
- Saubere Verarbeitung, mit Nähten und Futter in gutem Zustand
- Gerade, schlichte Linien, die sich leicht in Ihre Garderobe integrieren lassen
- Geschmeidiges Leder und glänzendes Fell ohne verfilzte Stellen
- Originaletikett, das Atelier oder Marke ausweist
- Keine Reparaturen in Eigenregie oder erzwungene Änderungen
Was Sie bei 90er-Vintage meiden sollten
- Stücke mit stumpfem Fell durch intensives Tragen oder schlechte Aufbewahrung
- Stark beschädigte Futter, die eine teure Reparatur erfordern
- Sehr ausgeprägte, zeittypisch gefärbte Töne, wenn Sie ein natürliches, zeitloses Finish suchen
Preisorientierung
90er-Vintage bewegt sich dank seiner größeren Verfügbarkeit meist in einer zugänglicheren Preisspanne als das früherer Jahrzehnte. Der konkrete Preis hängt von Fellart, Format und Zustand des jeweiligen Kleidungsstücks ab; daher lohnt sich ein Blick auf die Produktseite jedes Stücks.
Vintage aus den 70ern vs. Vintage aus den 90ern: Wie wählen?
Die Entscheidung zwischen Vintage aus den 70ern und Vintage aus den 90ern hängt davon ab, was Ihnen wichtiger ist:
- Wenn Sie Wert auf den Rohstoff legen (dichtes Fell, besseres Grundleder) und Sie eine zeittypische Verarbeitung nicht stört, ist Vintage aus den 70ern Ihr Jahrzehnt.
- Wenn Sie zeitgemäße Linien suchen und eine raffinierte Verarbeitung, die sich im Alltag sofort kombinieren lässt, passt Vintage aus den 90ern besser.
- Wenn Sie Charakter und Präsenz wünschen (lange Formate, Boho-Geist), stechen die 70er hervor; wenn Sie Dezenz und Vielseitigkeit wünschen, gewinnen die 90er.
In beiden Fällen gelten dieselben Kaufkriterien: geschmeidiges Leder, glänzendes Fell, Futter in gutem Zustand und Originaletikett. Ein gut gewähltes Vintage-Pelzstück – ob aus den 70ern oder den 90ern – bietet ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das mit Neuware kaum zu erreichen ist, und dazu einen nachhaltigen Wert, weil es dem Kleidungsstück ein zweites Leben schenkt.



